Chronik

Das offizielle Gründungsjahr 1872 des Musikverein Gurtweil geht in die Zeit nach dem Ende des deutsch-französische Krieges (1870/71) zurück, in der Süddeutschland eine regelrechte Gründungswelle von Blasmusikkapellen erlebte. Vorbilder waren hier die Militärkapellen die nach dem Sieg über Frankreich grosses Ansehen genossen . Genaue schriftliche Unterlagen über die Gründung liegen keine mehr vor. Lediglich ein Zeitungsartikel, erschienen am 14.1.1872 im Alb-Boten zeugt von der Existenz des Vereins in dieser Zeit. Vorstand Jordan gab in diesem Artikel den Ausflug der Gurtweiler Musikgesellschaft nach Koblenz allen Ehrenmitglieder und Musikfreunden bekannt.
Nachforschungen von Pater Leo Beringer ergaben, dass die Entstehungsgeschichte des Vereins jedoch noch weiter zurückreichen dürfte. Der gebürtige Glottertaler Michael Steurer, der von 1834 bis 1844 Lehrer in Gurtweil war, soll im Ort eine Musikkapelle gegründet haben, die bei Prozessionen mitwirkte und die auch zum Tanz aufspielte. Außerdem sei einige Jahre später anlässlich einer Kirchenvisitationsfest gehalten worden, dass im hiesigen Ort eine Musikkapelle tätig sei , die auch an kirchlichen Festen und Anlässen mit wirkte .
Schriftliche Unterlagen über das Vereinsgeschehen im 19. Jahrhundert liegen nicht mehr vor. Belegt ist ein Neuaufbau der Musikkapelle im Jahr 1909 durch den Dirigenten Johann Müller zusammen mit dem späteren Vorsitzenden Leo Müller. Mit sechs ehemaligen Musikern und 8 jungen Männern hatte die Kapelle an Fronleichnam 1910 bereits seinen ersten Auftritt. Kaum waren die Vereinstätigkeiten wiederbelebt, kam mit dem Beginn des Ersten Weltkrieges 1914 wieder ein großer Einschnitt in der Vereinsgeschichte. Der Musikbetrieb kam während der Kriegszeit zum Erliegen.

Vereinsbild 1920
Vereinsbild 1920

Erst 1918 zur Begrüßungsfeier der Kriegsheimkehrer spielte der Musikverein erstmals wieder mit Marschmusik durchs Dorf. Die Vereinsarbeit wurde intensiver und bereits 1920 zählte der Verein wieder 18 Mitglieder.

Vereinsbild 1932
Vereinsbild 1932

lm Herbst 1932, nach den Feierlichkeiten zum 60 jährigen Vereinsjubiläum erhielt der Verein seine erste Uniform.
Mit Ausbruch des zweiten Weltkrieges im Jahr 1939 brach die Entwicklung des Vereins wieder zusammen. Nur noch sporadisch trafen sich einzelne zurückgeblieben Mitglieder, um den Musikbetrieb meist zu kirchlichen Anlässen und mit Unterstützung von älteren, ehemaligen Vereinsangehörigen auf einem Minimum weiter zu führen. Nach Kriegsende wurde der Musikverein im Mai 1945 wie alle Vereine und Organisationen durch eine Verordnung der Französischen Militärregierung aufgelöst um, gelöst vom Nationalsozialismus, neu gegründet zu werden. Landwirt Oskar Tröndle, der bereits seit 1929 Vorsitzender des Vereins war, übernahm in der Nachkriegszeit die Initiative und führte die restlichen Musiker wieder zusammen. Die traurige Bilanz des Krieges waren sechs verstorbene Mitglieder, vier Musiker waren zu dieser Zeit noch in Gefangenschaft.

Vereinsbild 1959
Vereinsbild 1959

Am Weißen Sonntag 1946 trat der Musikverein zum ersten Mal wieder an die Öffentlichkeit. Bei der kurz darauf, am 4. Mai 1946 abgehaltenen ersten Hauptversammlung nach sechs Jahren wurde der Musikverein neu gegründet.

Oskar Tröndle
Oskar Tröndle

Zum ersten Vorsitzenden wählten die Mitglieder wieder Oskar Tröndle der das Führungsamt bis zu seinem Tod im Jahr 1964 und damit über eine ununterbrochene Zeitspanne von 35 Jahren mit viel persönlichem Einsatz ausführte.

Vereinsbild 1970
Vereinsbild 1970

Nach dem Ableben von Oskar Tröndle übernahm Johann Müller den ersten Vorstand. Unter seiner Führung veranstaltete der Musikverein 1966 zum zweiten Mal die „Rheinischen Festtage" verbunden mit der Weihe der neuen Uniform. Gurtweil hatte deshalb allen Grund, der heiteren Muse zu frönen, obwohl auch die Besinnlichkeit nicht zu kurz kam. Daß die Festtage nicht nur eine Sache des Musik- vereins, sondern aller Einwohner war, zeigte der durchweg gute Besuch aller Veranstaltungen. Das war umso erfreulicher, als die Durchführung eines solch umfangreichen Programms über vier Tage hinweg mit sehr hohen finanziellen Aufwendungen verbunden war. Hinter dem reibungslosen Ablauf des Programms steckte zudem ein ungeheures Maß an Arbeit und Opferbereitschaft.

 

 

Emil Indlekofer
Emil Indlekofer

Nach 17 jähriger Tätigkeit als Dirigent legte Emil Indlekofer von Horheim aus gesundheitlichen Gründen seinen Taktstock nieder. Sein letztes Konzert dirigierte er an Weihnachten 1967. Seit dem Jahre 1951 führte Dirigent Emil lndlekofer aus Horheim den Taktstock des Musikvereins Gurtweil. Unentwegt, gleich welche Witterung herrschte, hat er immer den langen Weg nach Gurtweil angetreten und sämtliche Veranstaltungen, gleich welcher Art sie waren, standen unter seinem Zepter. Durch die sichere Führung des Taktstockes hat er das Vertrauen der Musiker gewonnen. Härte und Strenge, die ein Dirigent haben muß, hat er fein mit seinem Einfühlungsvermögen, das jeden Musiker ansprach, zu einem großen und ganzen Dynamischen, in seinem Auftreten vereinigt. Liebe zur Musik und große Menschenfreundlichkeit strahlte aus seinem ruhig wirkenden Wesen heraus. So hat der Musikverein Gurtweil unter seiner Stabführung einen merklichen Aufschwung genommen. Zum Dank für seine lange unermüdliche Tätigkeit im Musikverein wurde er vom Musikverein Gurtweil am 23. März 1968 zum Ehrendirigenten ernannt.

 

Am 28.Februar 1968 begleitete der Musikverein Gurtweil seinen langjährigen Musikkameraden, Ehrenmitglied und ehemaligen 2. Vorstand Albert Granacher zur letzten Ruhestätte. Albert Granacher war 16 Jahre Bezirksvorsitzender des Arbeitsbezirks 1. In seiner Zeit hatte er sich als Vorsitzender bestens bewährt. Seine große Hingabe zur deutschen Volksmusik zeigte sich darin, daß er seit 1926 dem Musikverein angehörte und 13 Jahre als 2.Vorstand amtierte. Für seine Verdienste wurde er vom Musikverein Gurtweil zum Ehrenmitglied ernannt. lm Jahre 1963 wurde er Ehrenmitglied der Mainzer Hofkapelle und 1966 wurde er mit der goldenen Ehrennadel des Volksmusikverbandes ausgezeichnet. Albert Granacher war ein wahrhafter ldealist, der neben seiner umfangreichen Berufsarbeit immer Zeit fand, der edlen Musiksache zu dienen.

 

Der Musikverein nahm 1970 beim Verbandsmusikfest in Tiengen am Wertungsspiel teil. Unter dem neuen Dirigenten Robert Müller, der sein Amt als direkter Nachfolger von Emil Indlekofer 1968 übernahm, spielte der Musikverein das Musikstück Sorella, eine Ouvertüre von Hans Hartwig und erreichte den 1. Rang in der Mittelstufe. Das gute Abschneiden beim Wertungsspiel bezeugte, daß der Musikverein den richtigen Dirigenten aus den Musikerreihen gewählt hatte.

 

 

Vereinsheim 1970
Vereinsheim 1970

In über 4000 Arbeitsstunden erstellte der Musikverein 1970 ein Vereinsheim. Damit ging ein lang ersehnter Wunsch in Erfüllung ein eigenes Probelokal zu besitzen. Nach umfangreichen Vorarbeiten über Planung, Grundstückskauf usw. wurde uns im Dezember 1969 die Baugenehmigung erteilt. In harter Arbeit wurde nach Weihnachten das Stallgebäude des Erzbischöflichen Mädchenheims abgebaut und an der Schlücht beim damaligen Festplatz und heutigem Vereinszentrum wieder aufgerichtet. An Silvester war es dann soweit. In gemeinschaft- licher Arbeit wurde der Rohbau erstellt und am Abend war das Richttännlein am First zu sehen. Der Innenausbau, bestehend aus Probelokal, Aufenthaltsraum und WC, ging zügig voran, so konnte im Juni 1970 die Einweihung begangen werden. Allen Spendern und Gönnern, die beigetragen haben, das Vereinsheim zu erbauen, sei herzlich gedankt, sowie den Musikkameraden, die ihre 80 Stunden beim Bau absolviert haben. Ganz besonders sei dem 1. Vorstand und Zimmermeister Johann Müller gedankt. Er hat fast 500 Stunden für das Vereinsheim aufgewendet und seine Holzbearbeitungsmaschinen unentgeltlich zur Verfügung gestellt.